Unternehmen haben bei Facebook nichts zu suchen!?

Unternehmen haben bei Facebook nichts zu suchen!?

Web 2.0 - to be or not to beUnternehmen sollten die Finger von Facebook lassen! So könnte man zumindest den Jura-Professor und Fachmann für Informations- und Medienrecht Thomas Hoeren verstehen, der sich kürzlich in einem Artikel „Facebook und Co. – Risiken für Unternehmer und Privatnutzer“ im Fachmagazin „Deutscher Anwalts Spiegel“ (Ausgabe 12/2011) zum Thema äußerte.

Für ein breites Echo sorgten nicht die allgemeinen (richtigen und wichtigen) juristischen Hinweise zum Thema Facebook, sondern die folgende Schlussfolgerung, die der renommierte Medienrechtler zog:

„Der Rat des Juristen kann nur sein, Facebook zu meiden. Unternehmen haben dort nichts zu suchen; denn ihre Geschäftsinteressen beißen sich regelmäßig mit den Besonderheiten des Web 2.0 und den dort gängigen interaktiv-privaten Umgangswünschen. (…) Facebook ist – gut eingesetzt – etwas für Selbstinszenierer, Medienprofis, die ihre eigene Rolle durch das Web 2.0 der Community vorführen wollen. Dieses Rollenspiel muss man aber erst erlernen – und wer das nicht kann oder will, sollte erst gar nicht damit anfangen.“

Unter der Überschrift „Facebook meiden: Jura-Professor warnt Unternehmen vor Social Media“ griff die bekannte Werber-Fachzeitschrift w&v Werben und Verkaufen das Thema auf. Mit dem Ergebnis, dass es in kürzester Zeit Kommentare hagelte und der Professor sich mit dem Verweis „Das wird man noch sagen dürfen“ um Schadensbegrenzung bemühte.

Einige der geschmähten Medienprofis meldeten sich mit klugen und sachlichen Beiträgen zu Wort, wie die Kommunikations- und Social Media-Expertin Dr. Kerstin Hoffmann: „Selbstinszenierung oder Medienkompetenz? Wie man das Persönliche und das Sachliche trennt“, die zu den vielfach geäußerten Vorurteilen gegenüber Facebook & Co. „Das ist doch nur was ‚für privat’ und es wird sowieso nur belangloser Blödsinn gepostet.” anmerkt: „Meist hilft ein Workshop (…)  Die meisten von ihnen (den Kunden) sind spätestens nach einem halbtägigen Workshop bereit, ihr Urteil zu überdenken. Auch sie lernen dann, ihre persönliche Kommunikation von der sachlichen, professionellen zu unterscheiden und abzugrenzen (…).“

Zeit für ein Zwischenresümee und eine inhaltliche Einordnung

Nach dem alten Sprichwort „Der Unternehmer muss etwas unternehmen!“ sollte es eine selbstverständliche Pflicht jedes Geschäftsführers sein, dafür zu sorgen, dass sein Unternehmen und seine Produkte oder Dienstleistungen in der öffentlichen Wahrnehmung gut wegkommen. Die „Inszenierung“ von Marken gehört dabei zum selbstverständlichen Repertoire. Neu und gar nicht verwerflich ist heutzutage ein Bewusstsein für die öffentliche Wirkung des Unternehmens selbst, die eine gewisse Inszenierung ebenfalls mit einschließt. Aber auch das Stillhalten und gar nichts sagen ist in vielen Fällen keine gute Lösung, denn wie schon Paul Watzlawick erkannte, kann man nicht nicht kommunizieren.

Angesichts der Vielzahl der Möglichkeiten, die sich einem Unternehmen heute bieten, fällt die Wahl der richtigen Botschaften und der geeigneten Kanäle natürlich schwer. Mehr Möglichkeiten erfordern genaueres Hinschauen, eine gute Selektion und ein kontinuierliches Monitoring der Erfolge. Angesichts begrenzter personeller Kapazitäten und einem endlichen Budget eigentlich ebenfalls eine Selbstverständlichkeit.

Aber hat der renommierte Professor in Bezug auf Facebook nicht doch irgendwie recht? Hat zum Beispiel die von ihm ins Feld geführte kleine bayerische Volksbank wirklich etwas bei Facebook zu suchen? Die Antwort ist hier, wie bei anderen Themen ein klares: Kann Sinn machen, muss aber nicht.

Wenn zum Beispiel die Zielgruppe verjüngt werden soll und eine entsprechende Strategie ausgearbeitet wird, dann kann sich ein Engagement bei Facebook durchaus lohnen. Ein Beispiel ist die vom Social Media-Experten Klaus Eck angeführte Volksbank Bühl, die inzwischen 2.000 Freunde verzeichnet.

Fazit

Es macht genauso wenig Sinn me-too-Strategien aufzusitzen, wie eine strikte Verweigerungshaltung einzunehmen, die im Zweifelsfall auf Vorurteilen beruht. Eine sachliche Analyse, das Abwägen von für und wider, eine Zieldefinition verbunden mit einer fundierten Aufwandsschätzung und eine Priorisierung der Maßnahmen sowie eine definierten Timeline sind hier, genau wie bei anderen Kommunikationsprojekten auch, immer zu empfehlen.

Im Übrigen teile ich gerne die Ansicht der  „PR-Doktorin“ (Eigenbezeichnung*) Dr. Kerstin Hoffmann: „Von mir aus muss nicht jedes Unternehmen im Social Web präsent sein. Aber für die, die präsent sind und es gut machen, bietet es enorme Potenziale.“

*Anm.: Frau Dr. Kerstin Hoffman hat in Ihrer Anmerkung (s.u.) ganz richtig darauf verwiesen, dass sie sich selbst nicht als „PR-Doktorin“ bezeichnet. Um den Leser nicht zu verwirren, lasse ich den Text so stehen und verweise (mit einem mea culpa) auf die in ihrer Anmerkung erfolgte ergänzende Korrektur.

Weitere Links und Beiträge:

Replik von Facebookbiz.de

Rechtsanwältin Nina Dierks auf Social Media Recht:

By |2011-06-24T20:57:38+00:00Juni 24th, 2011|Categories: PR 2.0, Social Media|Tags: , , , |4 Comments

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4 Comments

  1. Kerstin Hoffmann 25. Juni 2011 at 09:50 - Reply

    Danke für die Erwähnung. Kleine Korrektur: „PR-Doktorin“ ist nicht meine „Eigenbezeichnung“. Mein Blog heißt „PR-Doktor“, die weibliche Form verwende ich gar nicht, und mich selbst bezeichne ich nur mit meinem Namen. 😉

    • Reiner Kolberg 26. Juni 2011 at 12:59 - Reply

      Ich finde, „PR-Doktor“ ist eine schöne Wortschöpfung.
      Vor allem, wenn man sich seinen „Dr.“ rechtschaffen erworben hat, was in heutigen Zeiten ja keine Selbstverständlichkeit zu sein scheint…
      Die PR-Doktorin sei der journalistischen Freiheit des Zeitzeugen geschuldet.

      Hier geht’s übrigens zum empfehlenswerten Blog:
      http://www.kerstin-hoffmann.de/pr-doktor/

  2. Kerstin Hoffmann 26. Juni 2011 at 13:37 - Reply

    Mag sein. Freut mich. Aber meine Eigenbezeichnung ist es definitiv nicht.

  3. Reiner Kolberg 27. Juni 2011 at 10:17 - Reply

    Habe ich im Artikel inzwischen richtig gestellt 😉
    Viele Grüße, Reiner Kolberg

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